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Von Feder zu Feed

von Nina Mohimi


Wie sich die AI sehr kritische Gastrokritiker:innen vorstellt. Generiert mit Midjourney

Von Feder zu Feed: Wie Social Media die Gastrokritik verändert hat

Gastrokritiker:innen galten lange als die unangefochtenen Expert:innen, wenn es um Lokalberichte ging. Mit fundiertem Wissen und der Fähigkeit, Restaurants mehr oder weniger anonym zu bewerten, waren sie lange Zeit entscheidend für die Bekanntmachung einer Neueröffnung und auch den Ruf eines Lokals. 
Doch in den letzten Jahren hat sich das grundlegend verändert. Durch soziale Netzwerke wie Instagram oder TikTok kann inzwischen jede:r seine kulinarischen Erfahrungen teilen. Früher lag der Fokus fast ausschließlich auf gedruckten Medien. Die Schnelligkeit, mit der Informationen online geteilt werden, hat das Tempo der Veröffentlichungen ganz eindeutig beeinflusst, und ständig ergänzen neue Content-Formate wie Instagram-Fotos, kurze Videos und Stories nun klassische Textkritiken. 
Werden Kritiker:innen in einer digitalen Welt, in der „jede:r veröffentlichen und verbreiten kann“, zunehmend obsolet? Wie hat sich deren Arbeitsumfeld im Laufe der Jahre verändert? 
Um diese Veränderungen näher zu betrachten, haben wir zwei erfahrene Gastrokritiker:innen interviewt: Eva Biringer und Severin Corti.

Wie kamst du eigentlich dazu, Gastrokritiken zu verfassen? Was hat dein Interesse geweckt, und welcher Aspekt hat dich besonders gereizt?

Eva Biringer: Das war eher zufällig. Schreiben war schon immer meine Leidenschaft, aber eher im Zusammenhang mit Theater und Kunst. Essen stand in meinem Elternhaus nicht unbedingt im Fokus. Nach meinem Studium landete ich 2015 als Redakteurin bei einem Onlinemedium, und weil meine Kollegin keine Lust auf das Thema Food hatte, übernahm ich das. Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, schrieb ich unter anderem Restaurantkritiken für ein Berliner Stadtmagazin. So kam eines zum anderen.

Severin Corti: Ich hatte schon sehr lange den Wunsch, über Essen und Trinken zu schreiben. Ich koche viel und gerne, und Essen hatte schon immer einen besonderen Stellenwert für mich. Während meiner Jahre in England fiel mir auf, dass gastronomischer Journalismus dort eine ganz andere Bedeutung hat, im Print ebenso wie in den elektronischen Medien. Dem Thema wird richtig viel Platz gegeben, und es ist Gegenstand seriöser und fundierter Berichterstattung. So etwas wollte ich auch für Österreich machen. Dass dann die Gastrokritik dazukam, war eigentlich Zufall, das war Teil des Jobs, den mir der Standard damals angeboten hat.

Wie siehst du die Veränderung der Bedeutung traditioneller Gastrokritiken im Zeitalter von Social Media? Hat sich diese Bedeutung deiner Meinung nach verändert?

Eva: Definitiv hat sich die Bedeutung verändert, vor allem weil viele jüngere Menschen heutzutage leider keine gedruckten Tageszeitungen oder Printprodukte mehr lesen. Durch die sozialen Medien hat eine gewisse Demokratisierung stattgefunden – jede:r kann seine Meinung zum Thema Essen kundtun. Das ist eine positive Entwicklung, da sich so die Vielfalt erhöht und ein facettenreicheres Bild entsteht, im Gegensatz zu früher, als fast ausschließlich alte weiße Männer Kritiken verfassten.
Gleichzeitig hat die professionelle Kritik mit ihrer fundierten Expertise eine größere Bedeutung denn je. Dabei befürworte ich den Ansatz, die eigene Perspektive stark zu machen, anstatt zu versuchen, Neutralität oder Objektivität vorzutäuschen. Schließlich habe ich eigene Sichtweisen und Schwerpunkte, schon alleine dadurch, dass ich kein Fleisch esse und keinen Alkohol trinke. Auch bei anderen bevorzuge ich einen subjektiven Stil.

Severin: Meine Arbeitsweise und meine Arbeit haben von der Einbindung der sozialen Medien stark profitiert. Ich finde da wertvolle Hinweise zu Neueröffnungen, zu neuen Entwicklungen, spannenden Köchinnen und Köchen. 
Klar gibt es in den sozialen Medien auch viel Berichterstattung von Influencer-Kolleg:innen gegen Gratis-Konsumation, aber das kam und kommt in Österreichs traditionellen Medien bekanntlich auch vor. Insofern ist es ein bissl gewagt, wenn Kolleg:innen meinen, über das, was auf Insta und TikTok passiert, die Nase rümpfen zu dürfen. Ich kenne viele, die Presse-Events als Basis für ihre Berichte und Kritiken nutzen.

Worauf legst du besonderen Wert, wenn du eine Kritik über ein Lokal schreibst? Wie relevant sind für dich Faktoren wie Musik, Beleuchtung und die Speisekarte? 

Eva: Die Tatsache, dass ein Neuigkeitswert bei Kritiken wichtig ist, lässt sich nicht leugnen. Dennoch bin ich kein Anhänger des Gedankens „Ich muss die Erste sein“. Ich finde es wichtig, einem Lokal Zeit zu geben und vielleicht sogar mehr als einmal dort zu essen, um ein umfassenderes Bild zu bekommen.
Die Art der Küche ist für mich natürlich von großer Bedeutung. Abgesehen davon interessiert mich, wer hinter den Kochtöpfen steht. Woher kommt die Person, ist es eine Frau, wo war sie vorher?

Severin: Manche Restaurantguides behaupten immer noch, für ihre Bewertung zähle nur, „was auf den Teller kommt“. Das ist meiner Meinung nach ganz verkehrt – da könnte man ja auch gleich Takeout machen. Das Essen ist nur ein Teil des Erlebnisses, in einem Restaurant zu Gast zu sein. Unlängst habe ich etwa die Kantine eines Taekwondo-Zentrums in der Restaurantkritik beschrieben, da kocht eine Portugiesin ganz herausragend Meeresfrüchte-Küche wie in ihrer Heimat. Natürlich ist essenziell, wie das Essen da schmeckt – aber mindestens ebenso das Ambiente, die Story, wie es überhaupt zu so einer Konstellation kam, der Kontext. Umgekehrt gibt es Lokale, die ein großartig exklusives Erlebnis bieten, obwohl das Essen bestenfalls mittelmäßig ist. Also: Der Geschmack der Speisen ist wichtig, aber andere Faktoren spielen eine durchaus ebenbürtige Rolle.
Wenn das Essen so richtig schlecht ist, wird es natürlich schwierig, mit dem Rest zu punkten, aber trotzdem ist das Essen allein lediglich ein Teil eines viel größeren Gesamterlebnisses. 

Wie hat sich Social Media auf das Tempo und den Zeitpunkt von Veröffentlichungen ausgewirkt? Welche Bedeutung haben andere Online-Bewertungen? Hat es überhaupt einen Einfluss auf deine Entscheidung, ein bestimmtes Restaurant zu besuchen?

Eva: Ich bin glücklicherweise selten an Deadlines gebunden, daher beeinflusst es mich nicht so sehr, ob ein Lokal bereits irgendwo vorgestellt wurde. 
Erstaunlich finde ich, dass manche Lokale schon vor der Eröffnung eine enorme Reichweite in den sozialen Medien haben. Ich versuche mich davon nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen. 

Severin: Für Kritiker einer Tageszeitung geht es auch bei Restaurants um Aktualität – das ist der Anspruch des Standard. Natürlich spräche auch einiges dafür, wie etwa die New York Times erst einmal ein paar Monate vergehen zu lassen und ein Restaurant mehrmals zu besuchen, bevor es besprochen wird. Aber solche Budgets und Möglichkeiten hat man heute nur noch als global agierendes Medium, das ist inzwischen wirklich einzigartig. Als ich begonnen habe, gab es vom damaligen Chefredakteur des Standard die klare Order, dass wir bei Neueröffnungen möglichst die Ersten zu sein hatten, dass die Leser:innen die erste Kritik im Standard finden sollten. Manche Kollegen hatten denselben Ehrgeiz. So kam es mitunter zu legendären Baustellenrezensionen, wo verschiedene Kritiker gleichzeitig in halbfertigen Lokalen bekocht wurden – das exakte Gegenteil einer validen Restaurantkritik. Ich bin sehr happy, dass diese Zeiten lange vorbei sind. Inzwischen habe ich die Möglichkeit, mir mehr Zeit für fundierte Berichte zu nehmen – gerade in Zeiten von Social Media ein selten gewordener Luxus. Ich hoffe, dass unsere Leser:innen das auch zu schätzen wissen.

Wie siehst du die Zukunft von Gastrokritiken angesichts der fortlaufenden Entwicklung von Social Media und digitalen Technologien?

Eva: Ich hoffe, dass die traditionelle gedruckte Kritik weiterhin Bestand haben wird. Gleichzeitig finde ich es gut, wenn Online-Plattformen auch Raum für experimentelle Formate bieten, und diese als Ergänzung zu den klassischen Kritiken genutzt werden können.

Severin: Gastrokritiken werden immer einen Platz haben; in welchem Medium, ob geschrieben oder gefilmt, ist vergleichsweise nebensächlich. Aber ausführliche Texte sind aktuell in Print und auf Websites praktikabler als auf Social Media. 



Foto: Florian Reihmann

Über Eva Biringer: Die pescetarisch lebende Autorin schreibt für verschiedene renommierte Medien wie Die Zeit, Welt am Sonntag, FAZ und Rondo (Der Standard). Sie verfasst Kolumnen in der Berliner Zeitung, zudem ist sie für die Rezeptkolumne „Sonntagsessen“ bei Zeit online verantwortlich. In ihrem autobiografischen Buch „Unabhängig. Vom Trinken und Loslassen“ (Harper Collins) verarbeitet sie ihre Alkoholabhängigkeit. 


Foto: Gerhard Wasserbauer

Über Severin Corti: Der Journalist kocht leidenschaftlich gern, hat eine Vergangenheit als Koch und schreibt seit 2005 die Restaurantkritiken für den Standard. Er war langjähriger Herausgeber des Slow-Food-Wirtshaus-Guide. Vor seiner Spezialisierung auf Food-Journalismus war Corti unter anderem London-Korrespondent der Tageszeitung Kurier. Für den Falstaff gestaltet er gemeinsam mit seinem Partner Tobias Müller das Rezeptmagazin. Außerdem entwickeln die beiden Konzepte für Corporate Publishing im Food-Sektor.

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