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KI in der Lebensmittelproduktion

von Nina Mohimi


Illustration: Katharina Anna Wieser

No Filter – Folge 2

Zum Thema Künstliche Intelligenz hat jeder seine eigenen Vorstellungen. Ich habe eine große Faszination für Algorithmen, die entwickelt werden, um Aufgaben auszuführen, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern. Warum mir das Thema im Kontext der nachhaltigen Lebensmittelproduktion auch Sorgen macht.

Meine Mutter sagt, es gibt zwei Kategorien Menschen Flintstones und Jetsons. Ich gehöre zu letzterer Kategorie. Zukunftsorientiert. Der Blick geht immer gerne nach vorne (mitunter auch ein bisschen zu weit). Ich liebe seit meiner Kindheit Roboter und auf der 2013 Mlove (M für Mobility) Konferenz in Monterey war ich die einzige, die aufgezeigt hat, als das Publikum gefragt wurde, wer denn bereit wäre ein gesundes Körperteil für ein (getestetes und funktionierendes) bionisches austauschen zu lassen. Eine Antwort, die mir übrigens mit zunehmendem Alter leichter fällt. Wenig überraschend freue ich mich daher, als Befürworterin eines sorgfältig kuratierten Einsatzes von KI, über die vielschichtigen Einsatzmöglichkeiten, die sich durch diese Technologie eröffnen. 
Gleich vorweg, ich finde es wichtig zu betonen, dass die Angst vor dem Wegfall von Arbeitsplätzen, die mit dem Aufkommen neuer Technologien einhergeht, imho unbegründet ist. Wenn wir einen Blick auf die historische Entwicklung technologischer Fortschritte werfen, können wir feststellen, dass während einige Jobs möglicherweise obsolet werden, gleichzeitig auch jedesmal neue Arbeitsmöglichkeiten entstehen. Es ist aber natürlich wichtig, (jetzt schon, liebe EU) Programme zur Umschulung und Weiterbildung von Arbeitnehmer:innen zu entwickeln, um den Übergang zu unterstützen und sicherzustellen, dass niemand durch die Einführung von KI-Technologien benachteiligt wird. Hoffentlich anders als es (erst viel zu spät) bei der Digitalisierung passiert ist. But who are we kidding… 
Ich würde mir allerdings auch mehr Offenheit seitens der Betriebe wünschen. Vielleicht können Landwirt:innen, die sich um Nachhaltigkeit bemühen, auch ihre Haltung zum Thema Einsatz von Technologien überdenken und nicht gleich in eine Abwehrhaltung gehen (eine persönliche Beobachtung). Besonders, wenn es richtig viele Chancen gibt, um ihre Arbeit zu vereinfachen und nachhaltige Maßnahmen schneller wachsen zu lassen. 

KI und Lebensmittelversorgung

Die Herausforderungen, vor denen unsere Ernährungssysteme stehen, sind beunruhigend vielfältig. Dazu gehören der Klimawandel, der zu extremeren Wetterbedingungen und Ernteausfällen führt, die Lebensmittelverschwendung, bei der enorme Mengen an Nahrungsmitteln verschwendet werden, und die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln, während die verfügbare Fläche für deren Produktion begrenzt ist.
Die Harmonisierung von Nachhaltigkeit und Lebensmittelversorgungssicherheit stellt eine komplexe Herausforderung dar, die zu einem anderen Zeitpunkt extra noch einen ganz eigenen Schwerpunkt verdient. Es ist aber meiner Meinung nach von entscheidender Bedeutung, Wege zu finden, um diese beiden Ziele in Einklang zu bringen. 
Die traditionelle Landwirtschaft, die auf intensiver Nutzung von Pestiziden und Düngemitteln sowie Monokulturen beruht, hat negative Auswirkungen auf die Umwelt und gefährdet damit die langfristige Nachhaltigkeit. Allerdings kann ein Verzicht auf Pestizide auch zu Ernteverlusten führen und somit eine verlässliche Versorgung mit Lebensmittel einschränken. Auswirkungen, die nur zu gerne unter den Tisch fallen, aber unbedingt berücksichtigt werden sollten. 
In meiner idealen Vorstellung kommt hier Künstliche Intelligenz (KI) großflächig ins Spiel. 
Durch den intelligenten Einsatz von KI-Technologien können Landwirt:innenbereits heute nachhaltigere Praktiken entwickeln und gleichzeitig (leichter) eine Lebensmittelversorgung sichern. 
KI-gesteuerte Systeme helfen dabei, den Einsatz von Ressourcen wie Wasser und Düngemitteln zu optimieren, indem sie genaue Daten über den Zustand des Bodens und der Pflanzen liefern. Das ermöglicht es den Bäuer:innen gezieltere Entscheidungen zu treffen und Ressourcen effizienter zu nutzen. 
Darüber hinaus können KI-gesteuerte Lösungen auch dabei helfen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren: durch die Überwachung von Schädlingsaktivitäten in Echtzeit können punktuell Maßnahmen ergriffen werden, anstatt auf eine breite Anwendung von Pestiziden zurückzugreifen – das trägt dazu bei, die Belastung der Umwelt zu verringern und die Qualität der Lebensmittel zu verbessern. 
Auch heute ist es bereits möglich, landwirtschaftliche Praktiken durch Robotik, Drohnen und selbstfahrende Fahrzeuge zu optimieren. Die von diesen KI-gesteuerten Maschinen gesammelten Daten informieren über Probleme wie den Zustand der Ernte, Wettervorhersagen und Umweltveränderungen, die sich auf eine Ernte auswirken könnten. Einiges davon passiert heute auch schon – aber häufiger in der konventionellen Landwirtschaft als bei nachhaltigen Betrieben. Dabei haben all diese Technologien Potenzial, Bio-Landwirt:innen dabei zu helfen, intelligenter statt härter zu arbeiten – was sich positiv auf die Erträge und die Effizienz der Produktion auswirken kann und gleichzeitig menschliches Leiden auf den Felder reduziert.
All das könnte alles schon viel breiter im Einsatz sein – hier würde ich mir eindeutig mehr Informationsinitiativen wünschen. 

KI und die Ethik 

Ja, künstliche Intelligenz hat absolut das Potenzial in verschiedenen Bereichen der Agrar- und Lebensmittelindustrie Fortschritte zu erzielen. Von der Steigerung der Lebensmittelproduktion bis zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit und -qualität sowie der Effizienz im Lieferkettenmanagement (siehe auch unser Artikel zum Einsatz von Blockchain) eröffnet KI zahlreiche Chancen. Doch gleichzeitig dürfen wir auch mögliche ethische Implikationen, die mit dieser Technologie einhergehen, nicht außer Acht lassen.
Nehmen wir als Beispiel den Aspekt der Nachhaltigkeit. Die Verwendung von KI in der Landwirtschaft kann dazu beitragen, effizientere Anbaumethoden zu entwickeln und den Einsatz von Ressourcen zu optimieren. Allerdings könnten Maschinen, die menschliche Arbeitskräfte ersetzen, auch zu einer verstärkten Verwendung gefährlicher Pestizide (weil ja kein:e Feldarbeiter:in mehr direkt damit in Kontakt kommt) oder zur Bodenverdichtung durch schwere Maschinen führen. Es ist daher entscheidend, bereits im Vorfeld die Umweltauswirkungen von KI-gesteuerten landwirtschaftlichen Praktiken durchzudenken und (hoffentlich) sicherzustellen, dass sie nachhaltig sind.
Transparenz und Rechenschaftspflicht sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Wenn KI-gesteuerte Maschinen Entscheidungen treffen, die normalerweise von Menschen getroffen werden, muss sichergestellt werden, dass diese Entscheidungen transparent sind und dass es klare Mechanismen gibt, um die Verantwortlichkeit festzustellen.
Ungeachtet der ethischen Herausforderungen, ist der Einsatz von KI in der Agrar- und Lebensmittelindustrie unaufhaltsam.
Zum Glück, denn sie bietet zahlreiche großartige Chancen, die Lebensmittelproduktion schneller nachhaltig und dabei gleichzeitig effizienter zu gestalten – und das gilt es zu begrüßen.
Umso wichtiger ist es jedoch, strenge (vorausschauende) Maßnahmen auf internationaler Ebene zu implementieren, um sicherzustellen, dass dieser Fortschritt nicht in den Ausbau von konventioneller Landwirtschaft abdriftet. 
Technologische Fortschritte müssen verantwortungsbewusst implementiert werden, um sicherzustellen, dass sie im Einklang mit ethischen und sozialen Werten stehen und eine nachhaltige Zukunft unserer Ernährungssysteme unterstützen.

In diesem Sinne schließe ich hoffnungsvoll mit einem Zitat von Leonard „Bones” McCoy  „Compassion: that’s the one thing no machine ever had. Maybe it’s the one thing that keeps men ahead of them.” 

Austausch dazu gerne via: nina@popchop.at oder via instagram.com/ninamohimi

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