Über Wirtshauskultur, Gemeinschaft und neue Wege
– ein Gespräch mit Kira Schinko, Wirtshausretterin in der ORF-Serie “Aufsperren statt Zusperren”
Das Wirtshaus war in Österreich lange nicht wegzudenken. Es war Nachrichtenzentrale, Stammtisch, Diskussionsraum, Szene-Treff, Partyraum, Ort für Taufe und Leichenschmaus, Arena für Streit wie Versöhnung – und nicht selten das soziale Herz eines Dorfes. Doch in den letzten Jahren verschwinden viele. Gesellschaftliche Umwälzungen, Einkaufszentren, Fast Food Ketten und eine aussterbende Wirt:innen-Generation tragen allesamt dazu bei.
Aber was bedeutet das für unsere Gemeinden und die Ortskerne?
Die neue von Jenseide/ORF ko-produzierte Serie „Aufsperren statt Zusperren!“ widmet sich auf positive Weise dem Phänomen des Wirtshaussterbens und sucht gleichzeitig nach Menschen, die gegen den Trend anarbeiten. Impulse der Wiederbelebung. Ich habe mit Host und Co-Redakteurin, Kira Schinko, über die Resonanz nach den ersten ausgestrahlten Folgen, über die gesellschaftliche Rolle von Wirtshäusern und darüber gesprochen, warum ein Dorf ohne Wirtshaus mehr verliert als nur einen Gastronomiebetrieb.
Bisher wurden zwei von sechs Folgen deiner neuen Serie ausgestrahlt. Am 11.03. folgt Teil 3. Wie hast du die letzten zwei Wochen wahrgenommen?
„Die Reaktionen waren überwältigend. Wir haben nahezu ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen – von Wirtinnen, Bürgermeisterinnen, Touristikerinnen. Es melden sich Gastronomen, die mitmachen wollen, es gibt Anfragen zu Workshops und Messeauftritten. Alles in allem genau die starken Reaktionen, die ich erhofft hatte. Einzig mein Wunsch, die Wirtschaftskammer einzubeziehen, hat leider nicht geklappt.
Mit welchen Reaktionen siehst du dich konfrontiert?
„Vor allem Begeisterung. Viele Menschen erkennen plötzlich wieder die Bedeutung des Wirtshauses für ihre Gemeinde. Natürlich gibt es Dissonanzen: Manchmal kommt ein Wirt oder ein Gast aus unterschiedlichen Gründen nicht – zu teuer, zu wenig Konsum, kein Verständnis für die gegenseitigen Bedürfnisse. Aber grundsätzlich geht es um Respekt und das Bewusstsein, dass ein funktionierendes Wirtshaus mehr kann als ein anonymes Lokal. Es geht um den sozialen Raum, um Zusammenhalt. Und das wird von allen, die sich einbringen, gespürt.“
In Teil 3 erwartet uns ein Besuch bei Yannik Steer und Johanna Maroušek sowie Köchin Elli Hackstein im burgenländischen Nickelsdorf. Die Verzahnung mit Kulturprogramm, hohen Investitionskosten und mikropolitischen Kontroversen werden gerade hier stark sichtbar. Es ist alles sehr, sehr kompliziert und man fragt sich bei all den Hürden: Warum braucht jeder Ort überhaupt ein oder mehrere Wirtshäuser?
„Der Baukultur Experte Robert Temel schrieb:
“Wenn es keinen Ort gibt, an dem man sich treffen und ausdrücken kann, dann gibt es wortwörtlich keine Gemeinde. Kann man dann also überhaupt noch von Gemeinschaft sprechen, wenn es keine sozialen Räume gibt? Wo trifft man sich zufällig, ohne Wirtshaus? An der Tankstelle, im Keller oder nirgendwo.”
Und dieses zweifellos virulente Thema hängt eng zusammen mit einem anderen, das seit Jahren diskutiert wird, nämlich mit dem Sterben von Ortskernen. Wenn in der Mitte des Dorfs oder der Stadt nach und nach wichtige Alltagsfunktionen (z.B. Wirtshäuser) verloren gehen, immer weniger Menschen dort wohnen und arbeiten, dann fehlt dem Gemeinwesen nicht nur ein symbolischer Ort, sondern überhaupt die Möglichkeit, sich zu manifestieren. Ist das noch eine Gemeinde, wenn alle im Einfamilienhaus wohnen, im Gewerbegebiet arbeiten und einkaufen und das Essen von Lieferando kommt? Natürlich ist beides nicht nur eine Frage der Baukultur, sondern vor allem auch eine soziale Frage). Gerade ältere Menschen haben ein feines Gespür dafür, was verloren geht – im Wirtshaus erfährt man Neuigkeiten, bekommt Hilfe, es ist der Ort der Kommunikation, wo sich Gemeinschaft manifestiert.
Gefühlt beklagen alle das Verschwinden der Wirtshäuser – gehen aber selbst immer seltener hin. Für Schinko ist das auch eine Frage von Verantwortung auf beiden Seiten. Manchmal heißt es: “Die Wirte sind schuld, weil alles zu teuer ist. Oder umgekehrt: „Die Gäste kommen nicht mehr.“ Was oft fehle, sei gegenseitiger Respekt – und die Bereitschaft, Angebote gemeinsam zu entwickeln. Ein Ansatz sei, die Bedürfnisse der Menschen im Ort stärker einzubeziehen. Kira erzählt mir von Gesprächen mit Anrainerinnen und Anrainern, die genau klären sollen, was sie sich von „ihrem“ Wirtshaus wünschen. Partizipation könne dabei helfen, dass sich möglichst viele angesprochen fühlen. In manchen Fällen entstehen so auch neue soziale Räume – etwa für Gruppen, die in klassischen Dorfwirtshäusern bisher wenig Platz hatten. Schinko nennt etwa die queere Szene und die Bedeutung von „Safe Spaces“ als Beispiele.
Ich frage genauer nach. Könnte eine neue Mischform aus Volkshaus, Vereinshaus und Kulturzentrum als zukünftiger Ersatz dienen?
„Ja, es kann schon sein, dass sich die gewohnte Form noch diverser an den jeweiligen Ort und in unterschiedlichster Form anpassen muss. Einrichtungen wie Kulturvereine und Volkshäuser sind ebenso wichtig, aber sie ersetzen nicht die dynamische, alltägliche Begegnung im Wirtshaus. Eine funktionierende Gastwirtschaft hängt halt auch stark von der Wechselwirkung zwischen Wirtsleuten und der solidarischen Dorfgemeinschaft ab. Die Balance zwischen wirtschaftlichen, kulinarischen und kulturellen Bedürfnissen muss stimmen. Dafür braucht es Partizipation von beiden Seiten, sichere Räume und gegenseitigen Respekt.“
Was macht denn eigentlich ein gutes Wirtshaus aus deiner ganz persönlichen Sicht aus? Was taugt dir?
„Atmosphäre! Es wird laut geredet, man sieht die Menschen, ihre Freude, ihre Ausgelassenheit. Gutes Essen ist zentral, aber dabei geht es nicht um Haubenküche. Krautfleckerl, einfache Speisen, können schon ausreichen. Die Gastgeberinnen müssen wie die Gäste spüren, dass sie willkommen sind. Mein Wirtshaus ist voller Lebendigkeit“
Zur Zukunft: Wie schafft man es, dass auch eine junge Generation wieder regelmäßig ins Wirtshaus geht?
„Viele junge Menschen verschwinden aus dem klassischen Bild im Wirtshaus. Für die nächsten Generationen brauchts neue Anreize: Leistbarkeit, Erreichbarkeit, moderne Angebote – Stichwort: vegetarisch, gesund..mit Blick auf internationale Trends. Der Raum muss attraktiv sein, online reservierbar, vielleicht auch manchmal Instagram-tauglich. Lehrlingsspecials, kleine Konzerte, Events – all das kann die junge Generation wieder abholen. Manchmal sind es kleine Anpassungen, die wirken. Ein super Beispiel aus Linz: Wir haben hier ein asiatisches Lokal (das in Folge 2 gefeatured ist), das mit günstigen Eistees, einer jungen Ansprache und Social-Media-Strategie ein neues Publikum gewonnen hat und ständig bummvoll ist.
Früher waren Wirtshäuser fast durchgehend geöffnet. Heute muss man (egal wo) recherchieren, wer wann geöffnet hat. Wie siehst du die veränderten Öffnungszeiten?
„Das ist ein Problem. Früher arbeiteten halt ganze Familien im Wirtshaus, Gästezimmer inklusive. Heute mit regulärem Personal ist das nicht mehr realistisch. Es gibt aber gute Beispiele: Der ‚Floh‘ in Langenlebarn als soziales Experiment, der wirklich von früh bis spät offen hat und sowohl die “Locals” auch die “Foodies” von außerhalb anzieht. Die Theresia Palmetzhofer vom Wirtshaus Palme – ebenfalls grandioses Beispiel. Oder Wirtshäuser, die Gäste aktiv einbeziehen – Co-Hosts, Pensionisten sind hier in der ‚Pole Position‘. Das System muss aber auch passen, Schonfristen und unterstützende Maßnahmen müssen politisch verankert sein.
Zum Schluss eine kulinarische Frage: Was sind deine persönlichen Lieblings-Wirtshaus Klassiker?
„Paprikahenderl mit Nockerl, Kalbsrahmgulasch, Leinölerdäpfel – das ist eine Spezialität aus dem Mühlviertel. Für mich eine meiner liebsten Wirtshausspeisen“
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