CHRISTIAN TSCHIDA, EINMAL UM DIE GANZE WELT – TEIL 4
DER TAG, AN DEM ICH JAMES FRANCIES UND UMA THURMAN TRAF
DER TAG, AN DEM ICH JAMES FRANCIES UND UMA THURMAN TRAF
Christian Tschida muss man nicht mehr vorstellen. Seine fantastischen Weine fin- det man nicht umsonst auf den Weinkarten der prestigeträchtigsten Restaurants und angesagtesten Weinbars rund um den Globus. Bereits zum vierten Mal teilt Christian ein paar seiner Abenteuer mit uns. Anekdoten in seinen eigenen Worten, ungefiltert.
London
Zur Abwechslung war ich wieder einmal in London, das Wetter war föhnig, überall wehte ein starker Wind (durchaus auch als Metapher zu verstehen), meine Haare zerzaust (ich hatte in der Früh wirklich zwei Sekunden dafür verwendet, um sie zu stylen) und eigentlich fühlte ich mich nicht besonders gut – mein Gaumen war belegt, meine Kehle so ausgetrocknet wie der Neusiedlersee im Jahre 1878 und ich hatte Durst, eine aufkeimende Grippe möchte man meinen.
Der Abend zuvor war kurz und knapp gesagt ziemlich lang gewesen und das auf eine sehr genüssliche Art und Weise. Ich war zu Gast im Kiln, einer Feuerhöhle getarnt als Thai-Restaurant. Hier brennt das Feuer, alle Herde sind am Glühen, der Feuergrill gut 14 Meter breit (eine Schätzung, die im Kontext des Abends gesehen werden sollte). Wahrscheinlich sind es diese unzähligen Feuerstellen, die nicht nur auf mich eine Faszination ausüben, möglicherweise ist es aber diese Assoziation mit der sogenannten Hölle im biblischen Sinne – fan- tastisch, wenn ich hier meine Sünden abbüßen kann…
Schade, dass in Österreich solche Küchenkonzepte niemals genehmigt werden würden. Es war verdammt heiß und Hitze erzeugt Durst. AEIOU Chardonnay gabs glasweise als Durstlöscher – ohne Worte.
Das sogenannte „Staff-Training“ dauerte gut zwei Stunden, ich habe meinen Job sehr ernst genommen und mit Hingabe 13 meiner Weine „vorverkostet“ viele aus der Magnum – und die verschiedenen Pairing- ideen „probiert“. Ein Highlight nach dem anderen, jeder Gang, ob Fisch, Fleisch oder Nudeln, alles extremely spicy, aber jene wärmende Schärfe, die aus einem gut durchdachten Zusammenspiel der Chili-Aromen ent- steht. Ich kenne das leider auch anders, ich meine diese brutale Art von Schärfe, die rein sensorisch betrachtet einfach sinnlos ist..
Santiago Lastra hat anno dazumal das Noma-Popup in Mexiko orchestriert. „Santi der Heilige“ hat mir einmal in einem zweistündigen Monolog die Kunst der Kombi- nation einzelner Chilisorten und deren unterschiedliche Reifung, Verarbeitung und Fermentation nähergebracht. Er agiert da wie ein Masterblender in der Champagne, miteinander ergeben sie eine komplex animierte, fast kuschelige Form von Geschmackserlebnis..
Es war James Francies, Jazzpianist und Arrangeur der Extraklasse aus New York, ein Mensch mit einer engelsgleichen Aura.. „ARE YOU CHRISTIAN TSCHIDA?“ Ich war mir nicht sicher, ob ich mit Ja oder Nein antworten sollte, was, wenn ihm der Himmel Rosé nicht schmeckt… Ich antwortete: „maybe“. „I KNOW IT’S YOU MAN, BIG FAN!“
Die Menschenmengen drängten ins Innere des Lokals, es schien endlos, die Freunde des Höllenfeuers und der Weine des Christian Tschida standen bis um den Häuserblock an, am Ende waren es 320 Gäste, die in dieser magischen Nacht zu Besuch waren, Ulalala.
– Ich liebe meinen Beruf, es ist großartig, ein burgenländischer Weinbauer zu sein …
Doch zurück zu meinen Kopfschmerzen und den bren- nenden Augen, das muss wohl von der Holzkohle sein … Die rettende Idee ist genial – auf ein großes Soda-Zitron ins nächste Hotel, der Concierge mustert mich von oben bis unten, ich ignoriere seinen verächtlichen Blick und setze mich in die carrara-marmorne Lobby, bestelle mir ein Soda-Lemon. Was ich um günstige 16 Pfund Sterling stilvoll auf Eis gereicht bekomme, ist eine picksüße Zitronenlimonade aus der Aludose – kleine Anmerkung: Es gab auch eine Zeit lang die absolut trendige Idee Wein „nachhaltig“ aus Aludosen zu servieren, wie gemunkelt wird hat das leider nicht so gut funktioniert..
No, No, No, das ist nicht das, was ich jetzt brauche, ich brauche ein echtes Soda-Zitron, ich brauche den Gamechanger unter den Jugendgetränken, ich brauche die Antithese zum Limonadenhaften – genau wie beim Wein.
Stephan Martin fabriziert in der R&Bar in Wien eines der Besten „Sozis“ des Planeten und ist ein weltoffen denkender und werkender Sommelier..oh Steveboy, wo bist du nur gerade jetzt, wo ich dich so sehr brauche..
Während ich dem bornierten Londoner 7 Sterne-S-Hoteldirektor versuche, zu erklären, wie man ein ordentliches Soda-Zitron macht – „do you have ripe lemons from the Amalficoast? Here is the number of Stephan, call him and ask him how to do it.., if you ask nicely he will tell you how to separate the seeds from the juice
Stephan Martin, der Mann der das beste SoZi mixt. © Ingo PertramerSie trägt einen hochgeschlossenen Mantel, der so schwarz ist wie die Nacht, aus der ich gerade komme. Kill-Bill-Uma-Thurman geht auf mich zu, ihr durchdringender Blick macht mich sprachlos..wahrscheinlich hat sie mich erkannt, den jungen aufstrebenden Burgenländischen Winzer, der nach England gereist ist, um seine neuen Weine zu kredenzen.. vielleicht ist sie auch ein „Big Fan of Himmel on Erde“, so wie mein neuer bester Freund James.. Sie winkt mir zu und fängt an zu grinsen, ich grinse zurück und hebe beide Hände um eine stilechte Hollywood-Begrüßung vorzubereiten und schließe für eine Sekunde meine Augen und spitze schon ganz leicht meinen Mund, was wird sie wohl zu mir sagen..
Ja, natürlich darf sie aufs Weingut kommen, wenn sie möchte, Bodyguards inklusive, ich zeige ihr auch wie die rote Vertikalpresse funktioniert, (die lustige Haja Molcho hat mich übrigens einmal gefragt, ob ich für sie mit dieser Highend-Weinpresse Paradeiser für ihre Bloody Mary auspressen könnte – das wäre bestimmt das sanfteste Verfahren..) ich gehe mit ihr auch auf unseren neuen steilen Eisner-Blaufränkisch-Weingarten rauf und öffne eine Flasche „All the Love of the Universe“ für sie, natürlich kredenzt in Zalto-Gläsern und selbstverständlich probieren auch wir à la Disneyland-Weintourismus Weine direkt aus dem Fass..
Als ich meine müden Augen wieder öffne, ist sie bereits an mir vorbeigegangen und hat hinter mir überschwänglich eine Freundin begrüßt.
Was für eine Niederlage.
So ein Fauxpas kann mir zu Hause im schönen Burgenland nicht passieren, in den Weingärten galoppiert maximal ein ausgewachsenes Wildschwein auf mich zu – doch das ist wirklich eine komplett andere Geschichte.
03.11.2025
von Christian Tschida