Aktuell läuft es in Österreich so: Nur Weine, die in Österreich als Qualitätswein – wohl sowieso eine schwierige Bezeichnung – eingestuft werden, dürfen eine Gebiets-, Orts- oder Riedenangabe tragen. Die Überprüfung findet dabei auf zwei Ebenen statt: Von WinzerInnen eingereichte Weine werden zum einen analytisch untersucht. Hier geht es um den im Wein vorhandenen Alkohol, Säure-, Restzucker- und andere überprüfbare Werte. Zum anderen gibt es eine sensorische Überprüfung, sprich eine Verkostung. Und deren Ergebnis ist von den individuellen KosterInnen abhängig – und von den Vorgaben, die diese aus einer Region und hier mitunter von gewissen MeinungsbildnerInnen bekommen, die vorgeben, wie ein Wein aus einer bestimmten Region zu schmecken hat. Das hat – auch wenn es nicht so sein müsste – immer wieder dazu geführt, dass unkonventionelle Weine und hier gerade auch Natural- oder Low-Intervention-Weine bei den KosterInnen durchfielen und dann eben nur als Landwein, Wein aus Österreich verkauft werden durften. Da die bisherigen Regelungen den Erfolg, insbesondere in internationalen Märkten, nur begrenzt beeinflusst haben, besteht seitens der WinzerInnen nachvollziehbarerweise der Wunsch, den Herkunftsort und die jeweiligen Böden, mit denen sie arbeiten, auch benennen zu können.
Nun wird ein neues Weingesetz diskutiert, das unkonventionelle Weine berücksichtigen soll. Wobei aber vieles letztlich doch wieder in den Regionen geregelt werden könnte.
Winzerin Katharina Gessl und Markus Gratzl, Obmann von Natural – Verein zur Förderung des NÖ Naturweins, über die Diskussionen um das neue Weingesetz und wünschenswerte Änderungen.
Das österreichische Weingesetz definiert Herkunft eng über das System der staatlichen Prüfnummer. Wer keine bekommt, verliert die regionale Bezeichnung am Etikett. Markus, warum ist genau diese Koppelung für die Naturweinszene so problematisch?
Markus Gratzl: Eine geschützte Herkunft sollte beschreiben, woher ein Wein kommt – Boden, Mikroklima und Region –, und nicht, welches Stilprofil eine Prüfungskommission als Standard empfindet. Geografische Herkunft muss von der Prüfnummer entkoppelt werden. Wenn spontan vergorene, unfiltrierte Naturweine bei der Kommission durchfallen, verlieren sie das Recht auf ihre Ortsbezeichnung – das grenzt an Entmündigung. Wein hat mehrere Sprachen, das müssen auch Behörden verstehen: Beim Zwickl sagt schließlich auch niemand, es sei kein Bier, und verbietet die Herkunftsangabe.
Kathi, wie erlebst du diese Praxis als Produzentin im Alltag? Ist die Prüfnummer eine Hürde beziehungsweise eine Hemmschwelle?
Katharina Gessl: Für mich ist sie vor allem dann eine Hemmschwelle, wenn ich schon beim Weinmachen überlegen muss, ob ein Wein später in ein bestimmtes sensorisches Raster passt. Ich möchte Entscheidungen im Weingarten und im Keller danach treffen, was der Jahrgang, die Trauben und die Lage brauchen – und nicht danach, ob der Wein am Ende möglichst problemlos durch eine Verkostungskommission kommt. Gerade bei Weinen, die spontan vergoren, unfiltriert oder einfach etwas eigenständiger sind, kann das schwierig werden. Und wenn ich dann die Herkunft nicht mehr aufs Etikett schreiben darf, obwohl genau dort die Trauben gewachsen sind, wird es für mich widersprüchlich.
Nun argumentiert die Behörde, die Prüfnummer schütze die Qualitätsmarke der jeweiligen Region. Ist dieser Schutzgedanke nicht nachvollziehbar?
Markus Gratzl: Qualitätsschutz für Hygiene und Fehlerfreiheit ist sinnvoll – auch Low-Intervention-Weine brauchen klare Rahmenbedingungen. Doch die Prüfnummer bewertet heute oft stilistische Anpassung statt Herkunft: Als Verein Natural fordern wir die Entkopplung, denn geografische Herkunft ist ein Faktum und die Prüfnummer darf nicht als Türsteher handwerkliche Vielfalt unterdrücken. Wichtig ist aber, dass das Gesetz bundesweit klare Vorgaben macht, statt die Entscheidung an regionale Gremien abzuwälzen. Wenn in Niederösterreich mit seinen acht Weinbaugebieten jede Region unterschiedlich entscheidet, während andere Bundesländer bei der Akzeptanz dieser Produktsparte schon viel weiter sind, blickt am Ende niemand mehr durch.
Katharina Gessl: Natürlich braucht es Qualitätsstandards. Aber Qualität und ein bestimmter Geschmack sind für mich zwei unterschiedliche Dinge. Ein Wein kann sauber gearbeitet sein und trotzdem anders schmecken als das, was für eine Region bisher als typisch definiert wurde. Gerade wenn wir wollen, dass sich Weinbau weiterentwickelt und eine neue Generation eigene Zugänge findet, muss dafür Platz sein. Herkunft sollte dabei etwas Verbindendes sein und nicht etwas, das man verliert, sobald man stilistisch einen anderen Weg geht.
Wenn das Gesetz in diese Richtung angepasst wäre – was würde sich dadurch für euch als Weingut und vor allem für die Menschen, die eure Weine trinken, verändern?
Katharina Gessl: Für uns würde es vor allem bedeuten, dass wir transparenter kommunizieren können. Wenn die Trauben aus einer bestimmten Lage kommen, möchte ich diese Lage auch auf das Etikett schreiben dürfen. Unabhängig davon, welchem Weinstil der Wein entspricht. Für die Menschen, die unsere Weine trinken, ist die Lage schließlich eine ganz konkrete Information: Sie sagt, wo dieser Wein gewachsen ist. Gerade wenn man viel über Herkunft und Terroir spricht, finde ich es wichtig, diese Herkunft auch benennen zu dürfen. Ich will von dem Wein und Fleckerl, auf dem ich aufgewachsen bin, erzählen. Da stehen meine Reben und derzeit muss ich das verwaschen.
Wein ist in Österreich Teil einer Alltagskultur und Kulturgut. Bei anderen Kulturtechniken wie Musik oder Film gibt es verschiedene Geschmäcker – und manche treffen mehr die Masse als andere – aber keine Einschränkungen, was etwa als Musik bezeichnet werden darf. Es ist wünschenswert, auch beim Wein so weit zu kommen. Es geht dabei nicht darum, zu täuschen oder minderwertige Produkte auf den Markt zu bringen, sondern darum, Vielfalt zu ermöglichen.
NATURAL KAMPTAL FEST
Von 6.–9. November findet im Kamptal das Naturwein-Fest Natural Kamptal statt. Samstag 7. November 2026 gibt es in Strass das „Low Intervention Wine Tasting“ mit 35 WinzerInnen.