Alle Fotos © Stefanie Daxer Haben wir alle Tomaten auf den Augen?
Auf den Spuren der Tomaten – eine Verkostung.
von Stefanie Daxer
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Alle Fotos © Stefanie Daxer Auf den Spuren der Tomaten – eine Verkostung.
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Alle Fotos © Stefanie Daxer
Mein Plan war nicht, eine Geschichte über Stekovics und Tomaten zu schreiben.
Mein Plan war, ein paar nette Stunden zu verbringen und idealerweise Tomaten zu verkosten.
Stekovics – der Name ist jetzt nicht unbedingt ein Novum. Irgendwo haben ihn wahrscheinlich schon einige von euch gelesen oder gehört. So ging es mir auch, als ich letzten November an einem kalten Tag mit meiner Schwiegermutter über Tomaten im Sommer sprach und sie mir erzählte, dass ich eine Tour buchen könnte – und zwei Minuten später hatte ich mir schon einen der letzten Plätze für August gesichert.
Gesagt, getan, fand ich mich mit meinem Partner in Frauenkirchen wieder. Burgenland, sehr nah an der Grenze, weit und breit kein Berg. Die Hitze, diese unsägliche Hitze in diesem Jahr, war auch gestern relativ präsent, und beim Hinweg dachte ich mir: Es gibt sicher keine gute Ernte in diesem Jahr.
Ich sollte eines Besseren belehrt werden.
Erich Stekovics ist ruhig, fast bedächtig – aber man merkt schnell, dass unter dieser Ruhe ein Feuer brennt. Sein Gesicht ist braungebrannt von der Arbeit am Feld, das Polo durch die Sonneneinstrahlung leicht vergilbt, und er steht vor uns und erzählt von seinen 2.500 Sorten Paradeisern. Dazu baut er Zwiebeln, Knoblauch, Chilis, Maulbeeren und andere Köstlichkeiten an. Der Paradeiserkaiser wird er genannt – und nach fünf Minuten mit ihm versteht man, warum.

Wir starten am Hof in einer Gruppe, und er beginnt damit, uns fünf Beobachtungen zur Tomate zu erzählen. Ab dem Moment bin ich im Bann dieser Pflanze.
Beobachtung 1: Die Pflanze ist ein absolutes Sonnenkind, das keinen Schatten mag.
Beobachtung 2: Er behauptet, sie sei die drittintelligenteste Pflanze der Welt. Eine der weniger intelligenten sei laut ihm die Zucchini. Ich habe nicht nachgefragt, wie genau dieses Ranking zustande kommt.
Beobachtung 3: Wenn man eine neue Tomatenpflanze in einen Boden setzt, wo davor Tomaten waren, fühlt sie sich wohl und wächst besser. Ab dem fünften Jahr am selben Standort gibt sie laut Stekovics 30 % mehr Früchte.
Beobachtung 4 und 5 enthalte ich euch an dieser Stelle vor – nicht, weil ich mein Wissen nicht gern teilen will, sondern weil ihr selbst auf diesen Hof fahren sollt, um mit eigenen Augen Zeuge der kriechenden Frucht zu werden.
Stekovics gießt seine Pflanzen nicht. Ich frage nach. „Wie? Nicht?“ Ich glaube, er hat diese Frage unter Umständen schon das ein oder andere Mal gehört. „Gar nicht – auch nicht in diesem Sommer.“
Ich denke an einen schlechten Scherz beziehungsweise an einen geschäftsuntüchtigen Bauern und sehe unsere Verkostung erneut ins nicht vorhandene Wasser fallen.
Wir fahren zu den Feldern – ein Konvoi schiebt sich über staubige Straßen wie ein Trupp aus Mad Max.
Angekommen, sehe ich ein paar rote Flecken. Erster Gedanke: eh schön, aber unspektakulär. Niedrig, keine Ranken. Sieht so aus, als hätten 5–10 Stück Früchte überlebt, denke ich.
Aber Stekovics, begleitet von seiner Frau Priska, erklärt uns, dass er seine Pflanzen nicht hochbindet, nicht gießt und schon gar nicht ausgeizt. „Die Pflanze hat schon einen Plan, wie sie wächst – warum sollen wir da alles wegschneiden?“ Das Nichtgießen gilt allerdings nur für Pflanzen, die bereits in der Erde stehen. Im Topf werden sie gegossen. Er erklärt uns, dass die Pflanzen in der Erde ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser immer weiter nach unten treiben und dadurch ein tieferes und widerstandsfähigeres Wurzelsystem entwickeln.
Er kniet sich auf den Boden – fast ehrfürchtig – und zeigt uns, was im Verborgenen liegt. Beim leichten Anheben eines Strauchs wird mir bewusst, dass daran sicher 100–200 Tomaten hängen.

Wir kosten uns durch die Felder – Sorte für Sorte. Er kennt jede einzelne und beschriftet sie nicht. San Marzano, Steinblume, Honking Big Black Cherry und eine Tomate, die ein Herr Brad Gates gezüchtet hat und die laut ihm die beste und schönste ist: Brad’s Atomic Grape.
Er erzählt uns, dass die meisten Tomaten, die wir im Supermarkt kaufen, auf Steinwolle gezüchtet werden, die anschließend als Sondermüll verbrannt werden muss. Er erzählt auch, dass Biobetriebe keine Steinwolle verwenden und kein zusätzliches Licht einsetzen dürfen – weshalb es diese Tomaten auch nur für eine begrenzte Zeit gibt. Während der dreistündigen Tour lässt er immer wieder kleine Seitenhiebe auf „die Gießer“ fallen. Für ihn ist es genauso absurd, für die Rispe im Supermarkt mitzubezahlen. Mein Einwurf, dass Tomaten an der Rispe doch länger halten würden, wird trocken gekontert:
„Tomaten aus dem Supermarkt halten meist länger als jeder Markenkühlschrank.“
Touché.
Ich bin euphorisch und traurig zugleich. Euphorisch ob der Vielfalt der Sorten – da kommt eine große Liebe, wie ich sie damals auch zur Zitrusfrucht entdeckt habe, als ich verstanden habe, dass es mehr als zwei Arten von Zitronen gibt. Es ist einfach immer wieder eine Offenbarung, zu sehen und zu schmecken, welche Variationen möglich sind.
Ich sehe diese unglaubliche Vielfalt – und plötzlich frage ich mich, wie wir es geschafft haben, unsere Beziehung zu Lebensmitteln so zu verkacken. Ich weiß schon: Convenience und Co. Aber so direkt vor Augen geführt, schmerzt es noch ein bisschen mehr.
Wir kommen weiter zur Saatenvermehrung – tausende Quadratmeter. Dort gibt es schützende Tunnel, da die Gefahr von Hagelschäden zu groß ist. Vorher aber noch ein opulenter Tisch mit alten Tomatensorten und einem Strauß Basilikum mit Blüten, die vom Geruch her mit jedem Parfum um die Wette eifern.
Stekovics erzählt uns vom langwierigen Prozess, bis eine gute Pflanze gezüchtet ist – und seine Liebe dazu wird noch einmal sehr deutlich spürbar. Im Hintergrund laufen laut quakende Gänse übers Feld, und die Sonne geht langsam über der pannonischen Ebene unter.
Wir streifen durch seine beeindruckende Chiliplantage – ein wagemutiger Gast wagt sich, einen kleinen Bissen der Chili mit Namen 7 Pots zu nehmen. Der Name kommt daher, weil man angeblich mit einer Schote 7 Töpfe mit Essen extrem schärfen kann. Nach wenigen Sekunden stürmt der Gast aus dem Zelt. Als er wiederkommt, gibt ihm Stekovics eine Tomate, um die Schärfe auszugleichen.

Wir fahren zurück zum Ausgangspunkt – verkosten noch die eingelegten Schätze und kaufen den halben Laden leer. Meine Favoriten bisher: Knoblauchknospen, eine Tapenade aus grünen Nüssen mit Tomaten und eine Mieze-Schindler-Marmelade.
Einige dieser eingelegten Produkte findet man sogar in gewissen Supermärkten. Die frischen Tomaten allerdings gibt es nur ab Hof. Sie werden zu reif geerntet, um lange Transportwege auszuhalten.
Warum ich diesen Artikel geschrieben habe? Weil ich will, dass ihr ALLE zum Paradeiserkaiser fahrt, euch durchkostet und euch inspirieren lasst. Und euch vor allem wieder daran erinnert, dass wir uns nicht damit zufriedengeben sollten, nur zwei verschiedene Arten von Tomaten zu essen.
17.08.2026
von Stefanie Daxer