Fotos: © Matthias Balgavy & Meike Hollnaicher
Produktion

SÜDTIROL UND DIE PIWIS VOM GANDBERG

Eine Reise nach Südtirol auf dem Weg zum Familienweingut Niedermayer – ein spannender Einblick in die Welt der PIWIS.


von Matthias Balgavy

Fotos: © Matthias Balgavy & Meike Hollnaicher

Ich fahre die Südtiroler Weinstraße entlang, vorbei an Apfelbäumen, Reben und Kastanien. Oberhalb von Eppan führt die Straße hinauf zum Gandberg. Die Luft ist klar, der Blick weit – bis zu den prächtigen Bergspitzen des Latemar und Rosengarten in den Dolomiten. Hier liegt das Weingut der Familie Niedermayr, ein stiller und liebevoller Ort, an dem sich Weinbau, Handwerk und Landschaft ineinander fügen.

Den Grundstein legte Thomas’ Vater, Rudolf Nieder- mayr, ein Pionier des ökologischen Weinbaus in Süd- tirol. Bereits Anfang der 1990er-Jahre pflanzte er die ersten PIWI-Reben – damals, als pilzwiderstandsfähige Sorten noch kaum jemand kannte und der Gedanke an Bio-Weinbau als Spinnerei galt. Heute führt Thomas das Weingut weiter, mit derselben Überzeugung, aber eigenem Stil: klar, handwerklich, präzise.

Thomas und seine Familie empfangen mich vor einer schweren Holztür. Er ist Winzer und gelernter Tischler, und beides spürt man sofort. Türen, Balken, Tore – alles massiv, ruhig, funktional. Auch der neue Restaurantbau, der Sommer 2026 eröffnet, folgt dieser Philosophie und wird unaufgeregt in den Hang eingebaut. „Ich verbinde Weinmachen mit Handwerk“, sagt er. Und tatsächlich scheint hier alles aufeinander abgestimmt: Architektur, Landwirtschaft, Wein.

Am Weinberg wachsen Kräuter, Getreide, Gemüse und Blumen zwischen den Reben. Bienen summen, dazwischen Mais, der später zu Polenta und Chips verarbeitet wird. Gedüngt oder gespritzt wird nicht. „Wir wollen, dass das System für sich funktioniert“, sagt Thomas.
Er führt keinen Demeter-Betrieb mit Regelwerk. Seine Philosophie beruht auf Erfahrung, Gespür und Respekt vor der Natur.

Die Weine entstehen aus PIWIs – Kreuzungen „klassischer“ Reben mit resistenten Arten. Sie kommen weit- gehend ohne chemischen Pflanzen- schutz aus und benötigen bis zu 80 Prozent weniger Spritzmittel.

Lange galten sie als zu neutral, zu ähnlich. Doch die neuen Generationen zeigen Charakter: Solaris mit tro- pischer Frucht und Muskatnote, Bronner frisch und zitrushell, Souvignier Gris würzig und strukturiert – auch ideal für Sekt. Muscaris duftet intensiv und blumig, Johanniter hingegen wieder leiser und klar. Seit Anfang der 2000er werden auch eigene PIWI-Sorten am Hof im Muttergarten gekreuzt, mit dem Ziel, dass sich diese in den Böden direkt mit den hiesigen Mikroorganismen auf die lokalen Gegebenheiten (Terroir, Klima, etc.) einstel- len und vom Sämling bis zur Rebe aufwachsen.

Niedermayr ist Teil einer wachsenden Bewegung. In Bozen arbeitet Pranzegg ebenso kompromisslos wie natürlich, allerdings noch mit klassischen Reben.

In der Südsteiermark sticht das Weingut Kobatl mit seinen PIWIs heraus. Aber in Südtirol scheint deutlich mehr zu passieren. Hier haben sich unter dem Namen Convinti sogar 21 Betriebe zusammengeschlossen, die ähnlich denken: bio- logisch, handwerklich, ohne Show.

Am Abend sitzen wir an einem großen Holztisch, direkt im Weingarten und genau da, wo in naher Zukunft das Restau- rant stehen wird. Thomas’ Bruder Georg Niedermayr und Thomas Schwägerin Gloria stehen in der offenen Garten- küche. Feuerholz, Rauch und ein fantastischer Sternenhimmel.

Auf den Tellern: Paradeiser aus dem eigenen Garten, Gemüse, das zwischen den Reben am Hof wächst, Fleisch vom Burgerhof Messner – der Sommer am Teller, direkt aus der Umgebung, einfach und strotzend vor Geschmack. „Farm to table“ im wahrsten Sinne der Worte und exakt was im zukünftigen, eigenen Lokal passieren soll.

Zum Essen öffnen wir die mitgebrachten Flaschen der anwesenden Winzer. Irgendwann verliere ich aber den Überblick, nach dem fünften Glas geht auch die Schärfe in den Fotos auf meinem Handy verloren. Mittlerweile wird eine Mischung aus Italienisch und Deutsch gesprochen. Zeit fürs Bett.

Am nächsten Tag spazieren wir mit viel Sonne durch die Gärten und alles wirkt selbstverständlich. Leider wird mein Vorschlag, meinen Lebensmittelpunkt von Wien nach Gandberg zu verlegen, nur belächelt, aber mark my words: Der Ort, der Wein, die Art zu arbeiten – alles macht hier so viel Sinn.

Vielleicht liegt auch genau darin das Geheimnis: Das Weingut Thomas Nie- dermayr zeigt, dass Zukunft im Weinbau ein gesamtheitlicher Ansatz, hohe Ansprüche an Qualität wie Geschmack und gleichzeitig eine verdammt coole Lebenseinstellung ist.