Alle Fotos: © Lavinia Zauner Community Kitchens: Ein Tisch für alle
Ein Projekt das Räume schafft.
von Lavinia Zauner
Alle Fotos: © Lavinia Zauner
Alle Fotos: © Lavinia Zauner Ein Projekt das Räume schafft.
von Lavinia Zauner
Alle Fotos: © Lavinia Zauner
Angebote zu regelmäßigen, offenen Kochrunden in Gemeinschaftsküchen sollen zwischenmenschliche Netzwerke sowie kulturellen Austausch stärken.
Es geht um soziale Räume, in denen die Zubereitung von Mahlzeiten mit der Pflege von Community einhergeht.
Anlässlich der Eröffnung der Küche im „Kirchenschiff“ der Caritas in Margareten und des 10-Jahre-Jubiläums des „Community Cooking“ im Kulturhaus Brotfabrik, besucht POPCHOP diese Wiener Projekte und spricht mit den Organisator*innen über die Wirkung solcher Initiativen.
Die lange und gedeckte Tafel ist heutzutage nicht mehr Teil des Alltags der meisten Leute, die ihre Mahlzeiten wohl eher allein, mit Partner*in oder im kleinen familiären Kreis zu sich nehmen – zumindest, wenn man westlich geprägte Lebensmodelle betrachtet. Gemeinsames Essen in größeren Runden beschränkt sich dann hauptsächlich auf besondere Anlässe oder Restaurantbesuche. Diese fortschreitende
Individualisierung macht einsam. Auch durch das Aussterben von konsumfreien Räumen und sogenannten „Third Places“, also Orte des regelmäßigen Zusammenkommens, die nicht das Zuhause („First Places“) oder die Arbeit („Second Places“) sind, verlieren Menschen immer mehr Möglichkeiten sich niederschwellig zu treffen. Was passiert also, wenn man Mahlzeiten im Alltag, zumindest manchmal, auf
eine größere gemeinschaftliche Ebene verlagert? Wie verändert sich Essen, wenn es nicht inszeniert und performt wird, sondern aus einem kollektiven Akt heraus entsteht? Im Konzept der Gemeinschaftsküchen treffen wir auf einen spannenden Ansatz mit Strahlkraft.
Alle Fotos: © Lavinia Zauner
Das „Community Cooking“ der Caritas in der alten Brotfabrik ist das größte und etablierteste Community Cooking-Projekt in Wien und bringt seit mehr als einem Jahrzehnt Menschen zusammen. Die wöchentliche Kochrunde findet diesmal an einem warmen Frühlingsabend statt – es gibt griechisches und kongolesisches Essen. 30 saftig grüne Paprika stapeln sich in einer großen, offenen Küche, deren blau-weiß karierte Fliesen den davor köchelnden roten Bohneneintopf kontrastieren.
Es ist viel los. Auf der Arbeitsfläche stehen dichte Büschel Minze, provisorisch eingefrischt in Messbechern und bereit gleich verkocht zu werden. Es wird gelacht, geschnitten, geredet. An mancher Ecke finden sich kleine Basteleien oder Fotos, die nur erahnen lassen, wie viele Geschichten hier bereits gelebt wurden. Insgesamt hat dieser Ort Wohnzimmer-Charakter, warm und einladend. Überall ergeben sich Möglichkeiten mitzumachen. Obwohl sich viele noch nicht kennen, fühlt es sich familiär an. Ins Gespräch zu kommen, fällt leicht; die meisten hier haben Lust auf Interaktion und die gemeinsame Aufgabe verbindet sofort – auch über Worte hinaus.
Im Gespräch erzählen Lisa Plattner und Christina Gugerell, Mitarbeiter*innen der Caritas Stadtteilarbeit, die beide einiges an Expertise auf diesem Gebiet mitbringen, was diesen Ort ausmacht und wie er sich entwickelt hat. „Es gab Bestrebungen die Brotfabrik für sozialen Austausch zu öffnen, da bietet sich gemeinsames Kochen und Essen natürlich sehr gut an“, erklären die beiden. Das Areal ist geprägt von der alten Industriearchitektur und befindet sich im migrantisch geprägten Favoriten. „Zu Beginn haben wir Multiplikator*innen gesucht, die in ihre Communities rauswirken und die Leute reinholen – mit diversen Kulturen.“ Aufgrund der eigenen Migrationsgeschichte kann das dreiköpfige Team von Community Cooking (Salwa Salib, Vera Pilipovic und Joseph Manuel) auch sprachlich verbinden. Wichtig ist ihnen vor allem zu betonen, dass es bei Community Cooking um mehr als um’s gemeinsame Kochen gehe, sondern ein gesellschaftspolitischer Auftrag dahinterstehe; Einsamkeit, soziale Exklusion und Spaltung sollten abgebaut werden. Willkommen sei jeder. Die finanzielle Situation,
Kochskills oder Deutschkenntnisse seien jedoch keine Kriterien. Beachtenswert ist auch, dass das ganze Konzept sehr niederschwellig angelegt ist. Man kann kostenlos ohne Anmeldung oder Ausweisung einfach vorbeikommen. Manchmal wird um einen geringen Unkostenbeitrag oder eine freiwillige Spende gebeten. Laut Lisa handle sich um kein klassisches Ausspeisungskonzept. Es gehe um Miteinander und Austausch.


Die Rollen in der Küche werden organisch verhandelt, manche Leute waschen ab oder kommen nur für Gespräche. Die Zubereitung der verschiedenen Gerichte wird auf mehrere Kochstationen aufgeteilt, sodass jeder leicht mitmachen kann. Die Atmosphäre dieses Raumes entsteht durch gelebte Küchenpraxis, aus gemeinschaftlicher Teilhabe am Geschehen. Viele Gesichter scheinen schon seit Jahren
wiederzukommen und haben hier eine fixe Community. Die älteste Teilnehmerin ist über 80.
Offen gestaltet ist auch, was am jeweiligen Abend gekocht wird. So kommen viele Vorschläge direkt von den Gäst*innen selbst, die Rezepte aus verschiedensten Ländern mitbringen und die Küche somit zur Bühne für Gerichte wird, die normalerweise kaum Sichtbarkeit bekommen.
Die Projektleiterin Salwa Salib berichtet außerdem, dass – wenn möglich – mit regionalen Zutaten gearbeitet werde und es auch einen Fokus auf die Vermittlung von gesunder Ernährung gebe. Gekocht werde vegetarisch/vegan, um Konflikte dahingehend zu vermeiden. Die kulturelle Repräsentation solle dabei jedoch nicht zu kurz kommen: „Wir wollen keine Deutungshoheit über gute Rezepte haben, sondern offen für kulinarische Entdeckungen sein.“
Die Zukunft solcher Projekte sieht Lisa Plattner in der Absicherung der bestehenden Orte, visioniert aber auch weitere
Gemeinschaftsküchen mit ähnlicher Idee in anderen Wiener Bezirken.
So ist beispielsweise der fünfte Wiener Gemeindebezirk sehr dicht besiedelt, bietet jedoch nur wenig öffentlichen Raum für das Zusammenkommen. Daher kommt die Eröffnung des „Küchenschiff“ , so nennt sich die Gemeinschaftsküche im Kirchenschiff,
äußerst gelegen. Der Ort versteht sich unter anderem als Grätzeltreffpunkt. Zusätzlich gibt es im Kirchenschiff Aufenthaltsorte, Beratungsangebote sowie eine Kleider- und Lebensmittelausgabe. Letztere basiert auf Lebensmittelspenden, die dann auch für das
gemeinschaftliche Kochen genutzt werden.
Das Kochprojekt basiert auf ähnlichen Prinzipien und wurde von drei Social Design-Student*innen der Angewandten (Julia Tebbe, Samuel Schmid, Max Przibylla) als Semesterprojekt in Zusammenarbeit mit der Caritas ins Leben gerufen und gibt der riesigen verfügbaren Fläche vor Ort einen weiteren Nutzen. Die Küche wurde renoviert und schafft nun Platz für alle, die Lust haben gemeinsam zu Kochen. Im Hof steht eine lange Tafel, an der gemeinsam gegessen wird. Das Besondere hier ist, dass der Hof neben dem Weg eine direkte Verbindung zu Passant*innen schafft. Immer wieder gehen Leute vorbei und schließen sich spontan dem Geschehen an.
Am Tisch gibt es vor dem Essen stets die Möglichkeit kreativ tätig zu sein: Diesmal wird zum Beispiel aus individuell gestalteten Stoffteilen eine Tischdecke für die Tafel genäht und so der aus Identitäten zusammengesetzte kollektive Akt visualisiert. Auch hier
entsteht Nähe übers Tun. Gekocht wird Gulasch. Die Strukturen der Kochrunde sind noch im Wachstum. Die Intention der Student*innen ist aber, einen langfristigen Ort für die Nachbarschaft und Interessierte zu etablieren, der sich angeeignet werden kann. Der Alltag solle so niederschwellig zelebriert werden können. Außerdem könne so Care-Arbeit aufgeteilt werden, wodurch Entlastung bei gleichzeitigem sozialem Austausch entsteht.
Insgesamt ist der Zugang zu Kochen in Community Kitchens losgelöst von Eitelkeit und Inszenierung. Stattdessen sind vor allem kollaborative Prozesse in die Gerichte eingeschrieben. Das fertige Essen ist nur Teil des Ergebnisses. Bisherige Entwürfe des
Alltags werden aufgebrochen durch etwas, das genauso viel Neues wie Comfort bietet. Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichkeit verschwimmen. „Seit ich da bin, habe ich das Gefühl, das fehlt vielleicht auch vielen im Leben“, bringt es Christina Gugerell auf
den Punkt.

Besuchen kann man die Projekte dienstags von 17 bis 20 Uhr (Brotfabrik) und donnerstags von 16 bis 20 Uhr (Küchenschiff).
Absberggasse 27, Stiege 3, EG, Top 2 A-1100 Wien
Siebenbrunnenfeldgasse 24, 1050 Wien
13.06.2026
von Lavinia Zauner