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Kaffee aus dem Labor – ­ regionaler gehts nicht.

von Nina Mohimi


Foto: Pexels.com/Polina Tankilevitch

Zelluläre Landwirtschaft gilt als eine vielversprechende Alternative für die Produktion pflanzlicher Güter wie Kaffee, nachdem die globale Kaffeeindustrie mit Problemen wie der Landnutzung, dem Klimawandel und den steigenden Anforderungen an eine faire und nachhaltige Produktion kämpft.

Ein morgendlicher Kaffee, der nicht von weit entfernten Plantagen, sondern direkt ums Eck produziert wurde? Laborgezüchteter Kaffee soll genau das möglich machen. 
Seit einigen Jahren arbeiten Forschungsgruppen und Start-ups intensiv an im Labor gezüchteten Kaffee, der in Bioreaktoren statt aus Bohnen hergestellt wird. 
Dieser Kaffee aus dem Reagenzglas hat das Zeug dazu, die großen Herausforderungen der herkömmlichen Kaffeeproduktion radikal zu verändern. Ein zentrales Merkmal ist die Möglichkeit der „regionalen Selbstversorgung“. Das heißt, selbst in Gegenden, wo das Klima oder die Geographie den Anbau traditioneller Kaffeebohnen unmöglich machen, könnte eigener Kaffee kreiert werden.

Vielversprechende Ergebnisse

Der Geschmack von Kaffee ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Angefangen bei den Rohstoffen, die je nach Kultivar und Art variieren, über die Beschaffenheit des Bodens und die Höhenlage, in der die Kaffeebohnen wachsen, bis hin zum Klima und sogar dem spezifischen Anbaujahr – all diese Elemente tragen ihren Teil zum einzigartigen Aroma bei. Aber auch die Verarbeitungsschritte wie Rösten, Fermentieren und Brauen sind entscheidend.
Diese Prozesse beeinflussen das Aromaprofil des Kaffees stark und sind somit ein kritischer Aspekt für den Geschmack, den Konsument:innen letztendlich erleben. 
Können alle diese Faktoren wirklich im Labor nachgestellt werden? Dieser Fragestellung geht auch ein finnisches Forschungsteam nach. 
Für ihre Studie verwendeten die Wissenschaftler:innen kommerzielle Arabica Bohnen-Setzlinge als Quelle für Blattexplantate (ein Teil der Pflanze, aus dem mit Hilfe der Gewebekulturtechnik eine ganze Pflanze erzeugt werden kann). 
Die Kaffeezellen wurden in einem Bioreaktor für die Biomasseproduktion kultiviert. Die Zellbiomasse wurde anschließend geerntet, getrocknet und geröstet. Der Kaffee wurde regulär gebrüht und ist zu 100 % echter Kaffee, also kein Ersatz.
Die Studie, veröffentlicht im Journal of Agriculture and Food Chemistry, beschreibt den genauen Prozess, den die Wissenschaftler:innen zur Kaffeeherstellung ab der ursprünglichen Kaffeepflanze verwendeten. Sie erklärt auch, wie sie Zellkulturen etablierten, um das Aroma der Bohne im Röstprozess, den Koffeingehalt, die Geschmacksanalyse und das sensorische Profiling veränderten.
Mit der Veröffentlichung des Proof of Concept für laborgezüchteten Kaffee zielt das Team darauf ab, die Schaffung eines Ökosystems oder einer Gemeinschaft voranzutreiben, um eine völlig neue Art von Kaffee zu entwickeln.

Der lange Weg bis ins Regal 

Die eigentliche Herausforderung beginnt aber erst: Wie macht man aus diesem futuristischen Gebräu ein Produkt, das Kaffeeliebhaber:innen tatsächlich angeboten werden kann? Der Weg vom laborgezüchteten Kaffee bis ins Regal ist in Europa alles andere als einfach. Eine Markteinführung erfordert auch die notwendige rechtliche Freigabe, die die Sicherheit für Konsument:innen gewährleistet. Dieser Schritt ist entscheidend, um die Produktion und Kommerzialisierung des innovativen Kaffees sicherzustellen. 
Kaffeezellen in einem Bioreaktor zu züchten, ist eine Sache. Ihn zu einem kommerziell tragfähigen Produkt zu machen, ist eine ganz andere Angelegenheit. 

Warum es sich lohnen kann 

  • Der Markt für Kaffee erzielte im Jahr 2023 weltweit einen Umsatz von rund 81,2 Milliarden Euro.
  • Das Marktvolumen wird im Jahr 2028 voraussichtlich EUR 101,5 Milliarden Euro erreichen, was einem jährlichen Umsatzwachstum von 4,57% (CAGR 2023-2028) entspricht. 

Weltweit steigt aber nicht nur die Nachfrage nach hochwertigem Kaffee, Konsument:innen sind sich zunehmend dessen ökologischen Fußabdrucks bewusst. Bei traditionellem Kaffee ist das notorisch schwierig. Kaffee aus Bioreaktoren hat eine weniger komplexe Wertschöpfungskette. Neben vielen nachhaltigen Vorteilen (wie kurze Logistik, weil regionale Herstellung) hat die Produktion von Kaffeezellen in einem Bioreaktor auch das Potenzial, die Kaffeeproduktion erheblich zu „beschleunigen“. Traditionell angebauter Kaffee bietet ein bis zwei Ernten pro Jahr, während eine neue Charge laborgezüchteten Kaffees innerhalb weniger Wochen aufgrund der unendlich erneuerbaren Natur der Kaffeepflanzenzellen hergestellt werden kann, die das Wachstum neuer Kaffeepflanzen aus Samen überflüssig machen.

Offen bleibt

Wie wird sich die Verbreitung von im Labor erzeugtem Kaffee auf den Lebensunterhalt von Millionen von Arbeiter:innen in der traditionellen Kaffeeindustrie auswirken –  besonders dort, wo Kaffee eine zentrale Rolle für die Wirtschaft spielt?
In Ländern wie Äthiopien, Brasilien und Kolumbien, wo Kaffee nicht nur ein wichtiges Exportgut, sondern auch eine bedeutende Einkommensquelle ist, könnte die Einführung von laborgezüchtetem Kaffee tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen nach sich ziehen. Es stellt sich die Frage, welche neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für die betroffenen Gemeinschaften geschaffen werden können, um mögliche Einkommensverluste und wirtschaftliche Umwälzungen abzufedern.
Außerdem ist unklar, wie viele Menschen überhaupt bereit wären, auf konventionellen Kaffee zu verzichten und stattdessen bohnenlosen Kaffee zu trinken. Geschmack, Aroma und das kulturelle Erlebnis, das mit dem Genuss von Kaffee verbunden ist, spielen eine entscheidende Rolle. Die Herausforderung für die Produzent:innenen von laborgezüchtetem Kaffee liegt daher nicht nur in der Herstellung eines umweltfreundlichen Produkts, sondern auch in der Schaffung eines Kaffees, der in Bezug auf Geschmack und Genusserlebnis mit traditionellen Sorten mithalten kann. 
Es bleibt abzuwarten, wie sich diese innovative Kaffeeproduktion auf die globalen Konsumgewohnheiten auswirken wird und welche Strategien entwickelt werden, um sowohl die Bedürfnisse der Konsument:innen als auch die der traditionellen Kaffeebäuer:innen zu berücksichtigen.

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