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Rezepte gegen
die Verzweiflung

von Hanna Stummer


Sadbois sind ein integrer Bestandteil von Caios Rezepten. Illustration: Caio van Caarven

Caio van Caarven (@caarven) ist kein Koch, aber ein verzweifelter Kochbuchautor, Illustrator und Geschichtenerzähler.

Der in Brasilien geborene Caio stammt aus einer Familie talentierter Hobbyköch:innen und zog vor zehn Jahren aus einer Laune heraus nach Wien, obwohl er die Stadt noch nie besucht hatte, lernte Deutsch von Null auf und studierte Betriebswirtschaft – denn das ist, „was unentschlossene Menschen so tun“. Immer schon irgendwie kreativ tätig, wünschte er etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und kündigte dann, als seine „verzweifelten“ Kochvideos während des ersten Covid-Lockdowns viral gingen, kurzerhand seinen Job im Marketing und widmete sich seinen Social-Media-Channels – diese sammelten in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Portugiesisch) in der ersten Woche über 200.000 Followers. Heute hat der 31-Jährige einen eigenen Buchverlag, in dem er seine ersten beiden Bücher „Verzweifelt Kochen“ und „Verzweifelt Trinken“ herausbrachte. Dabei handelt es sich um mehr als nur Kochbücher. Caio erzählt Geschichten mit viel Humor und selbst angefertigten Illustrationen – für die er kurzerhand zeichnen und animieren lernte. Es sind Bücher, die nicht nur für ein Rezept aufgeschlagen werden, sondern von Anfang bis Ende gelesen werden können. Zurzeit arbeitet Caio an der dritten Ausgabe, „Verzweifelt Snacken“, während er gleichzeitig seine Social-Media-Kanäle betreut. An Ideen für die Zukunft mangelt es ihm nicht – er will sich weiterhin kreativ austoben und auch gänzlich andere Themen in sein Repertoire aufnehmen.
Wir haben mit Caio über Antrieb, Social-Media-Strategien und Verzweiflung gesprochen – und darüber, warum er eigentlich nicht als Koch bezeichnet werden will.


Ein Selbstporträt. Illustration: Caio van Caarven

Caio, du wurdest ursprünglich mit Short-Form-Kochvideos auf TikTok bekannt. Wie erfolgte der Umstieg aufs Bücher schreiben und welche Herausforderungen gab es dabei?

Mit der Idee eines Buches hatte ich schon länger gespielt. Während des ersten Lockdowns liefen meine Videos einigermaßen gut und ich dachte mir, so eine Chance werde ich im Leben nie wieder haben. Ich habe mir etwa neun Monate Zeit genommen, in der ich wirklich nichts anderes gemacht habe, als daran zu arbeiten. Die Gründung des Verlags war zwar sehr viel zusätzliche Arbeit, hat mir aber viele Freiheiten gegeben – vor allem selbst zu bestimmen, wann das Buch herauskommt. Regulär braucht so etwas viel Vorlaufzeit und das ertrage ich nicht, ich bin sehr ungeduldig. Ich bin in meiner Arbeit sehr spontan und war dann tatsächlich bis zum letzten Moment in der Druckerei und habe noch Farben kontrolliert.

Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

In der Anfangsphase habe ich viel herumprobiert, mit Stockfotos von Gewürzen experimentiert, alles nicht gemocht und begonnen, selbst zu zeichnen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich das extrem gerne mache – das wusste ich vorher nicht. In Wahrheit hatte ich vor vielen Jahren einen einzigen Sadboi (Anmerkung der Redaktion: Zwiebel) gezeichnet, das wars. Für das erste Buch musste ich es wirklich lernen – und ich bin deutlich besser geworden. Ich habe in dieser Zeit sehr viel Neues gelernt. Sie war dafür ideal, weil ich keine Ablenkungen hatte.

Was bereitet dir an dieser Arbeit am meisten Freude?

Damals war das Schönste, dass ich selbst in die Druckerei fahren und sehen konnte, wie das Buch de facto geboren wird. Als diese absurd große Maschine tausende Bücher herausgespuckt hat, habe ich mich richtig stolz gefühlt.
Im Marketing ist alles sehr temporär und ich habe gemerkt, wie genial es ist, etwas zu haben, das man anfassen und auch noch in 20 Jahren in den Händen halten kann. Mittlerweile steht in etwa 10.000 Haushalten irgendwo ein Buch von mir. Das fühlt sich noch immer sehr surreal an. Wenn jemand dein Buch verschenkt oder etwas daraus nachkocht, ist das eine andere Art von Impact. Ich kämpfe tatsächlich ein bisschen damit, auch in anderen Aufgaben so viel Freude zu haben wie am Bücherschreiben. Am liebsten würde ich die ganze Zeit schreiben, machen und illustrieren.

Nach dem ersten Kochbuch folgte „Verzweifelt Trinken“. Wie sehen deine zukünftigen Pläne mit dem Format aus? 

Das dritte Buch wird auch wieder ein Kochbuch sein, dabei wird es aber eher um Snacks gehen  – auch, weil sich mein Kochstil ein bisschen geändert hat. Ich bin kein Fan des Konzepts, jedes Jahr ein Kochbuch herauszubringen, das genauso ist wie das alte – wie man es oft bei Celebrity Chefs beobachten kann. Mein Pfad als „Instagramkoch“ wäre womöglich gewesen, irgendein Buch mit 50 Rezepten und ein paar bunten Fotos zu machen. Das wollte ich aber nicht, ich wollte mich komplett kreativ austoben. Das Thema Kochbuch war eigentlich nur eine Ausrede dafür, ein  Buch zu machen. Es ist aber eigentlich mehr – es ist total illustriert, beinhaltet viele Geschichten, sehr viele Witze und ist sehr selbstironisch – also viel mehr als nur ein Kochbuch und nicht mit anderen vergleichbar. Deswegen möchte ich mich auch nicht als Koch einstufen lassen, weil ich es nicht bin. Und deswegen wird das nächste auch zumindest für vorhersehbare Zeit das letzte Kochbuch. In Wahrheit möchte ich Bildung machen, anders als gewohnt. Mittlerweile können auch andere Themen dazukommen. Ich habe beispielsweise vor kurzem in einem Video grundsätzliche Volkswirtschaftstheorie in einem Zuckersirup-Rezept erklärt. In diese Richtung soll es auch weitergehen. Ich möchte Themen auf eine Art und Weise behandeln, dass Leser:innen Spaß dabei haben und gar nicht merken, dass sie eigentlich etwas lernen.


Espresso Martini (hilft gegen Müdigkeit). Illustration: Caio van Caarven

Wie hat sich dein Stil in diesem Sinne verändert?

Für mich war der Prozess des Kochens, Filmens, Bearbeiten und Chaos in der Wohnung zu haben irgendwann zu viel. Das hat nach einer Mehrzahl an Nervenzusammenbrüchen zu einem neuen Format geführt, mit dem ich sehr glücklich bin. Ich habe begonnen, die schon bestehenden Zeichnungen zu animieren. Diese Videos sind für mich auch wieder authentisch, ich habe bis jetzt auch noch nichts Vergleichbares gesehen. Durch diesen Stil habe ich viel Flexibilität gewonnen und kann damit ortsunabhängig arbeiten – die Hälfte der Zeichnungen im zweiten Buch sind eigentlich in einer Skigondel entstanden. Was auch cool ist, ist dass ich mich mit diesem Format eben nicht nur auf Getränke oder Essen beschränken muss. Das öffnet für mich kreativ viele Türen.

Wie kann man sich deinen Kreativprozess vorstellen?

Das ist unterschiedlich. Am stärksten ist mein Kreativprozess, wenn ich im Flow bin und das passiert, wenn ich Bücher schreibe. Da habe ich kein Leben, sperre mich ein und arbeite tatsächlich vertieft 18 bis 20 Stunden am Tag. Nur so kommen gewisse Ideen raus. Bei den Videos geht es natürlich ein bisschen anders, in solchen kurzen Formaten kann ich nicht immer in einem Flow sein. So ein Video-Kreativprozess funktioniert mittlerweile standardisiert. Ich schreibe ein Drehbuch, zum Grundthema wird Brainstorming betrieben – von den Ideen werden aber viele verworfen, von zehn Witzen landen normalerweise nur zwei im Video. Dann wird aufgenommen, eventuell wieder geschnitten und geändert. Ich mache extrem viel spontan und schaue einfach, dass die Dinge auch im Entstehen entstehen.

Was braucht es, sich aus der Masse von Content zum Thema Kochen und Kulinarik abzuheben? 

Der Standardratschlag auf Social Media ist ja, dass authentischer Content früher oder später seine Nische finden wird. Aber eine andere Sache ist womöglich sogar wichtiger: Konsistenz und Disziplin. Die guten Content Creators kämpfen nicht damit, authentisch zu sein. Das Dranbleiben ist viel schwieriger, Sachen zu tun, die nachhaltig sind und sich immer wieder neu zu erfinden, ohne sich selbst zu demotivieren. Und man darf nicht aufhören. Da spreche ich aus Erfahrung, ich hatte über zwei Jahre beinahe nichts gepostet, da ich einfach nicht die Kapazitäten hatte gleichzeitig Buch und Social Media zu machen. Ich musste im November 2023 komplett neu anfangen – und ich habe großes Glück, dass es funktioniert. Eigentlich wirst du, wenn du aufhörst, vergessen, deine Zielgruppe vergisst dich und der Algorithmus vergisst dich. Wenn du nichts postest, bist du quasi tot.
Das dritte, was es braucht, ist Momentum. Das geht auch abhanden, wenn man nichts tut und bei mir ist es so, dass wenn ich es einmal verliere, dann falle ich komplett raus.
Ich habe mir deswegen jetzt vorgenommen, dass ich neben Sport jeden Tag etwas schreiben und an Videos arbeiten muss. Sonst wird es exponentiell schwieriger, wieder einzusteigen. Selbst wenn ich auf Urlaub oder krank bin, versuche ich immer eine minimale Menge an Energie zu finden, um zumindest das Gefühl zu haben, dass sich etwas tut.


Shakeira bei der Arbeit. Illustration: Caio van Caarven

In „Verzweifelt Trinken“ unterrichten verschiedene Professor:innen an der Universität Alkohoxford. Bei wem würdest du am liebsten im Hörsaal sitzen?

Shakeira – das ist außer Frage.

Verrate uns bitte deinen Lieblingsdrink.

Puh, ich habe immer Phasen. Meine letzten waren Amaretto Sour, danach Mezcal-Mule. Jetzt bin ich in einer Zwischenphase, aber ein Averna Sour geht immer, wenn er gut gemacht ist.

Und was ist dein Geheimrezept um wieder glücklich zu werden wenn du einmal verzweifelst?

Na ja, verzweifeln tue ich ja jeden Tag. Ich denke, das Wichtigste ist Achtsamkeit. Ich versuche mich selbst zu verstehen. Was fühle ich gerade? Wieso agiere ich gerade so? Ich bin quasi immer auf Ursachenforschung.
Was mir persönlich hilft, ist rausgehen. Ich habe das Glück am Berg zu leben und wenn ich verzweifle, schnappe ich meinen Hund und gehe raus. Dadurch kann ich Abstand gewinnen und mehr Gelassenheit bekommen. Die Verzweiflung ist ja eigentlich immer da, weil das Leben chaotisch ist, ich kann nur immer besser damit umgehen. Das ist ein bisschen wie beim Kochen: die Küche ist oft ein Ort der Verzweiflung, wenn man nicht alle benötigten Zutaten hat – und dann muss man aus dem, was man im Kühlschrank hat, etwas anderes machen. Das gilt für das Leben auch: Mach einfach das Beste aus dem, was du gerade vor dir hast und mach dich nicht fertig, weil du jetzt nicht die exakten Zutaten hast. In Wahrheit hat das Leben kein Rezept, und auch in der Küche entstehen die besten Sachen spontan und nach Bauchgefühl.


Caio van Caarven: Verzweifelt Trinken, Verzweifelt™, 2023.

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